Warum Brüssel nicht gleich Brüssel ist

»Internationaler Journalismus und Europa« heißt einer von zwei neuen Schwerpunkten, die Studierende in Zukunft im Bachelor-Studiengang Onlinejournalismus wählen können. Damit bleibt der Journalismus der h-da am Puls der Zeit – mehr noch: Die h_da versucht damit, einer Schwäche in der deutschen Europa-Berichterstattung entgegenzusteuern.

Nicht einmal die Hälfte aller deutschen Wahlbeteiligten gaben bei der diesjährigen Europawahl ihre Stimme ab. Von großem öffentlichem Interesse für Europa zeugt das nicht. Tatsächlich sei vielen gar nicht bewusst, wie sehr europäische Prozesse bereits in unseren Alltag eingreifen, sagt Torsten Schäfer, Professor für Journalismus an der h-da. Schätzungsweise rund achtzig Prozent aller Rechtsakte in Deutschland hätten ihren Vorlauf in Brüssel. »Europa liegt einfach vor der Haustür. Wie weit die EU schon in unserem alltäglichen Leben verankert ist, wird in vielen deutschen Haushalten noch unterschätzt«, so Schäfer. »Und in vielen Medien wird das nicht entsprechend abgebildet.«

Auslandsrecherche in der Krise

Es waren alarmierende Zahlen, die Torsten Schäfer bei seiner Antrittsvorlesung an der Hochschule Darmstadt präsentierte. Demnach hat sich die Anzahl der Journalisten in Brüssel, Sitz der EU-Kommission, zwischen 2005 und 2010 halbiert. Journalisten fehle zunehmend Hintergrundwissen, Medienberichte seien oft nur punktuell und fokussiert auf wenige Akteure – meist die Eliten aus Wirtschaft und Politik. Jetzt, nachdem der neue Schwerpunkt »Internationales und Europa« für die kommenden Journalismusjahrgänge beschlossen ist, sagt der Politikwissenschaftler: »Journalisten müssen internationale Themen und Zusammenhänge besser kennenlernen, sie dürfen keine Scheu davor haben, auch auf Englisch oder in einer anderen Fremdsprache zu recherchieren. Ob in Wirtschaft, Politik, Wissenschaft oder Kultur – wer im Journalismus arbeitet, muss die großen internationalen Institutionen kennen.« Wenn die Kompetenz fehlt, verwässert die Berichterstattung. Ein bezeichnendes Beispiel dafür ist Brüssel. »Brüssel steht nicht abstrakt für irgendwas, sondern nur für die EU-Kommission, das wird in den Medien aber gerne vergessen«, so Torsten Schäfer.

Blickwinkel und Know-How als Schlüssel

Journalismus-Absolventen der h-da sollen solche Fehler in Zukunft vermeiden können. Sensibler sollen sie werden und Interesse bekommen an europäischen Fragen, speziell zu Europa im Alltag. Viele Themen aus Brüssel liegen nämlich sprichwörtlich vor der Haustür. Torsten Schäfer sieht einen Lösungsansatz für die Krise in der Europaberichterstattung deshalb darin, europäische Themen so weit wie möglich herunterzubrechen. »Die meisten Journalisten arbeiten lokal, also müssen wir an das Thema auch so herangehen, sprich in der Region oder sogar der Kommune.« Standards für Biosiegel im Regal wären also kein Brüsseler Thema, sondern das des Supermarkts um die Ecke. Wie Europa zum Thema wird, können Dieburger Studenten in Zukunft in praktischen Projekten proben – geplant mit nationalen und lokalen Medienpartnern. Für Schäfer ist es eine Kompetenz, Europa recherchieren und verstehen zu können. »Journalisten müssten diese eigentlich in allen Ressorts und Themenfeldern mitbringen«, sagt er. Der neue Schwerpunkt im Studiengang Onlinejournalismus soll dazu beitragen.