„Der Blogger kommt!“ – Lokaljournalist Hardy Prothmann zu Gast an der Hochschule

Gibt es einen neuen Lokaljournalismus im Internet? Für Aufmerksamkeit in der Medienöffentlichkeit sorgt seit einem Jahr der Journalist Hardy Prothmann, Gründer und Betreiber des Heddesheimblogs. Im Rahmen des Semesterprojekts zum Lokaljournalismus luden die Professoren der Journalismus-Studiengänge den Journalisten zum Vortrag.

„Der Blogger kommt!“. Mit diesen Worten wird Hardy Prothmann in Heddesheim inzwischen begrüßt, man kennt ihn, viele schätzen ihn. Im Hörsaal der Hochschule Darmstadt ist die Begrüßung dagegen etwas verhaltener. Man ist gespannt auf den Mann, der mit seiner subjektiven Berichtserstattung, seinem forschen Auftreten und den ständigen Reibereien mit dem Mannheimer Morgen oftmals aneckt. „Ich bin Journalist, kein Blogger“, betont Prothmann gleich zum Anfang. Zum Journalismus kam er 1993 nach seinem Politik- und Germanistikstudium. Eine seiner ersten journalistischen Stationen war: Der Mannheimer Morgen. Prothmann wurde Journalist. Eine Festanstellung strebte er jedoch nie an. „Ich wollte immer meine Freiheit bewahren und meine Themen selbst aussuchen“, erklärt er den Studenten. Für den Lokaljournalismus, den die Konkurrenz betreibt, hat Prothmann ein Wort erfunden. „Bratwurstjournalismus“ nennt er die Berichterstattung des Mannheimer Morgens und anderer Lokalzeitungen. Bratwurstjournalismus, das sind für Prothmann Artikel, in denen „alles prima und toll“ ist. „In den meisten Redaktionen herrscht eine tradierte Arroganz. Bemerkungen über den dummen Leser sind an der Tagesordnung.“ Die Distanz zwischen Journalist und Leser sei zu groß.

Hardy Prothmann gründete deshalb seinen eigenen lokaljournalistischen Blog für die Gemeinde Heddesheim. Dort werden täglich neue Berichte mit lokalem Bezug veröffentlicht. Prothmann selbst ist sich sicher, dass sein Blog und dessen Stil die „Zukunft des Journalismus“ sind. Er schreibe bewusst subjektiv und provoziere gerne. „Würden Menschen nur Fakten lesen wollen, würden sie morgens als erstes die Börsenzeitung zur Hand nehmen“, sagt er lachend, „meinen Blick auf die Dinge, kann man folgen, ergänzen oder aber ablehnen“. Die Frage eines Studenten, ob er die schlechte Kritik denn auch als Publicity nutze, beantwortet Prothmann ehrlich: „Eine gewisse Persönlichkeit gehört zu einem Projekt wie diesem dazu. Ich bekomme oft anonyme Briefe mit Beleidigungen, aber ich bin nicht zart besaitet.“ Offen gibt er zu, dass er sich durch provokante Formulierungen wie „journalistische Prostitution“, mit der er die Berichterstattung des Mannheimer Morgens angriff, Aufmerksamkeit und kostenlose Werbung erhofft habe (auch, wenn er inzwischen glaube, dabei über das Ziel hinausgeschossen zu sein).

Ein solches Projekt zu finanzieren sei nämlich schwer. Prothmann erzählt, dass er momentan noch von seinen Ersparnissen lebe. Einige Unternehmen aus Heddesheim und Umgebung schalten jedoch schon Anzeigen bei ihm. Seine Berichterstattung werde dies jedoch nicht beeinflussen. Er werde nicht zögern, über seine Anzeigekunden kritisch zu berichten, sollte dies einmal notwendig sein. Für kommenden Herbst erhofft Prothmann sich endlich schwarze Zahlen. Weitere Blogs für benachbarte Orte sind teils in Planung, teils sogar schon aufgesetzt. Dies bringt eine Menge Arbeit mit sich, da Prothmann fast täglich neue Berichte veröffentlicht. Zudem hofft er, dass er es sich bald leisten kann, neben dem bereits vorhandenen Mitarbeiter, der sich um Recherchearbeiten kümmert, weitere Leute einstellen zu können. „Ich brauche unbedingt einen Computer-Nerd“, lacht er. Mit dem Layout des Blogs sei er längst noch nicht zufrieden, obwohl es von vielen anderen Bloggern kopiert werde.

Kritisch diskutiert wurde jedoch eine weitere Tätigkeit von Prothmann. Wie sich seine journalistische Arbeit mit seinen Tätigkeiten als Gemeinderat vereinbaren lassen, will das Publikum wissen. Hardy Prothmann ist dieses Thema sichtlich unangenehm. Er betont, dass er kein Parteimitglied sei und die Berichterstattung aus dem Gemeinderatssitzungen von seinem Mitarbeiter übernommen werde. Im Blog gebe es außerdem die Rubrik „der gläserne Gemeinderat“, in der er über die Arbeit dort berichtet. Als weitere Kontrolle ist da außerdem noch Prothmanns Ehefrau: „Sie bremst mich, wenn ich mich mal wieder zu weit aus dem Fenster lehne!“

Am Ende der Diskussion ist der Eindruck: Ein polarisierender Mann mit einem spannenden Projekt, dessen Entwicklung die Anwesenden mit Interesse weiterverfolgen werden. Auch wenn der ein oder andere Zweifel an Prothmanns Erfolg hegt, ist zumindest einer von der Idee restlos überzeugt: Hardy Prothmann selbst.

2 Kommentare

  1. Posted 11. Mai 2010 at 12:41 | Permalink

    Guten Tag!

    Ich war von 1991 bis 1994 während meines Studiums Freier Mitarbeiter beim MM. Meine ersten Artikel hatte ich zuvor für den Uni-Report an der Universität Mannheim geschrieben.

    Das heddesheimblog ist nicht wegen der Arroganz der Lokalschreiber entstanden, sondern aus privatem Interesse wegen einer geplanten Unternehmensansiedlung eines Logistikers in Heddesheim und der Jubelberichterstattung des MM darüber, die frei von Recherche war und ist.

    Ich schreibe nicht bewusst subjektiv, sondern bin mir bewusst, dass man als Mensch immer eine subjektive Sicht auf die Dinge hat.
    Deshalb schreibe ich immer wieder aus der subjektiven Perspektive und durchaus auch provokant. Vor allem in Kommentaren.

    Der Text über die journalistische Prostitution sollte keine »erhoffte Werbung« bringen, sondern die mangelhafte, »schmutzige« Beziehung zwischen Presse und »Mächtigen« durchaus provokant darstellen. Der Text war ein Fehler, weil er sein Ziel nicht erreicht hat: die unkritische Nähe des MM zum Bürgermeister zur Diskussion zu stellen. Stattdessen wurde (absichtlich) nur die Provokation wahrgenommen. Darauf haben sich vor allem meine Kritiker gestürzt, um das gesamte Projekt in Frage zu stellen – wegen eines nicht geglückten Textes unter 1.300 Artikeln, die in einem Jahr entstanden sind.

    Zugegeben habe ich überhaupt nichts oder war ich bei einem Verhör?

    Ich habe keine »Tätigkeiten« als Gemeinderat. Ich bin ehrenamtlicher Gemeinderat. Und das ist mir nicht unangenehm. Ich nehme die Aufgabe sehr gern wahr und bin bemüht, mehr Transparenz und vor allem eine kritische Haltung in das Gremium zu bringen.
    Ich werde vor Ort durch die, denen das unangenehm ist, kritisiert, dass man nicht beides machen könne: zugleich Journalist und Gemeinderat sein.
    Im Seminar habe ich Ihnen lang und breit erklärt, warum das sehr wohl geht und dass die Funktion eher eine Behinderung meiner journalistischen Arbeit darstellt, weil ich nicht über nicht-öffentliche Sitzungen berichten kann, da mir sonst sofort ein Bußgeld droht. Wäre ich kein Gemeinderat, könnte ich Recherchen dazu sehr wohl veröffentlichen.

    Meiner Frau und Kollegen lege ich ab und an »kritische« Texte zur Kontrolle vor, mit der Frage, ob sie zu hart wahrgenommen werden könnten.

    Wenn Sie sich das Bild vorstellen, wie jemand »gebremst wird, der sich zu weit aus dem Fenster lehnt«, verstehen Sie, warum ich ein solches Bild niemals verwenden würde: es ist schief und unstimmig.

    Und ein Tipp an die Zweifler: Nur wer an seine Idee glaubt, kommt weiter.

    Einen schönen Tag wünscht
    Hardy Prothmann

  2. Posted 10. Dezember 2010 at 22:36 | Permalink

    Sehr mutig, Herr Kollege Prothmann.

    Ich versuche mich in ähnlicher Weise in Landshut, Hauptstadt von Niederbayern, 63.000 Einwohner.
    Ich glaube an unsere Zukunft.
    Tel. 0871/9659642.

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  1. von Berichte über meine Lokalblogs | pushthebutton (am 12. Februar 2011 um 15:50 Uhr)