Textwerkstatt-Blog

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Die Textwerkstätten sind ein zentraler Bestandteil unserer journalistischen Ausbildung. Das Blog präsentiert Arbeitsproben und sammelt Best-Practice-Beispiele sowie Hinweise zur Textkonzeption, zum Schreiben und zum Redigieren.

Anleitung zum Geschichten Erzählen

Journalisten sind oft Geschichtenerzähler. Doch eine Geschichte lebendig zu erzählen, ist gar nicht so leicht. In der aktuellen Ausgabe des medium magazins hat Prof. Dr. Friederike Herrmann, Leiterin des Studiengangs Online-Journalismus, deshalb ihre Anregungen zum Thema »Geschichten erzählen« in einem Werkstattheft gesammelt.

Inhaltlich geht es zum Beispiel um Perspektivenwechsel, Beziehungsfragen, Szenen zweiter Hand sowie den Unterschied zwischen Nachrichten und Geschichten.

»Der Mensch besitzt nicht nur die Sprache. Er besitzt die Fähigkeit, daraus Geschichten zu weben, mit Anfang und Ende, Geschichten, die Zusammenhänge schaffen, Geschichten, die die Welt deuten und verstehen. Anthropologen und Historiker, Psychologen und Theologen – alle wissen sie um die Bedeutung der Narrativität. Erzählungen erklären uns, woher wir kommen, wer wir sind und wohin wir gehen. Sie erklären uns die Welt. Sie geben ihr Sinn,« schreibt Friederike Herrmann.

Das Werkstattheft dreht sich um vier Thesen:

  • Erzählen berichtet von Erfahrungen, Fakten spielen eine geringere Rolle.
  • Kurze erzählerische Formen bieten Chancen für neue journalistische Themen und Inhalte. Sie werden noch viel zu wenig genutzt.
  • Text ist Beziehung und wird als Beziehung gestaltet.
  • Der Text steht immer zwischen den Zeilen. Auch journalistische Geschichten brauchen die Intuition und Imagination von Autoren und Lesern.

Lesetipps, Übungen und Erfahrungsberichte von Journalisten ergänzen die Ausführungen. Ein Beispiel für eine Übung: »Gehen Sie an einen Ort, der für eine Ihrer Geschichten wichtig sein könnte: Eine Kneipe, ein Bus, ein Park. Schließen Sie fünf Minuten lang die Augen und konzentrieren Sie sich nur auf das, was Sie hören. Achten Sie besonders auf Geräusche oder Laute, die Sie überraschen. Gibt es auch Dinge, die nicht zu hören sind, die Sie aber eigentlich erwartet hatten? Notieren Sie anschließend Ihre Beobachtungen auf einem Blatt, ohne auszuwählen. Schreiben Sie zügig, ohne nachzudenken, Fehler sind in diesen Notizen egal. […] Lesen Sie anschließend Ihre Notizen durch und betrachten Sie diese wie eine Art Steinbruch: Sind Eindrücke dabei, die Sie in einen Text übernehmen wollen?«

Lust auf mehr Tipps zum Geschichten Erzählen? Dann können Sie das Heft über die Internetseite des medium magazin bestellen.

In der aktuellen Ausgabe des Magazins findet sich auch ein Special zur Ausbildung im Bereich Online-Journalismus. Darin kommen Chefredakteure, Redaktionsleiter, Professoren und Studenten zu Wort und analysieren die Entwicklung des digitalen Journalismus. Andreas Grieß, Student des Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt, erklärt darin, weshalb er ein Studium dieses Faches für sinnvoll hält.

10 Minuten Schreibgymnastik

Die Zeit läuft für die Abschlussarbeiten der Studiengänges OJ und WJ: In wenigen Monaten geben sie ihre Arbeiten ab. Plötzlich müssen sie ihren Tagesablauf selbst strukturieren, über Wochen das gleiche Thema begrübeln und sich am Ende einer Prüfung stellen.

Etwas Erleichterung kann eine Methode verschaffen, die erfahrene Reporter manchmal nutzen:  Sie führen ein Journal. Darin sammeln sie alles, was nicht zu ihrer zielgerichteten Recherche zu gehören scheint: Gefühle, Eindrücke, Ideen. Oder auch: Alltag, Abstürze, Höhenflüge.

Geschrieben wird im Stil des Free Writing, das wir auch in den Textwerkstätten üben. Fünf oder zehn Minuten lang notieren Sie alles, was Ihnen durch den Kopf geht – ohne den Stift abzusetzen oder die Tastatur ruhen zu lassen, ohne nachzudenken, durchzustreichen oder zu korrigieren. Einfach schreiben, schreiben, schreiben, Blödsinniges, Unvollständiges, manchmal sogar Sinnvolles, wie es gerade kommt. Sie können sich treiben lassen, träumerisch arbeiten.

Die Lockerungsübung hilft, Gefühle und Intuition besser in die Arbeit zu integrieren. Ein Rhythmus aus Kontrolle und Loslassen ist für alles Kreative wichtig. Wir kennen das, die zündende Idee kommt in der Entspannung, unter der Dusche. Manche sprechen von der rechten Hirnhälfte, andere vom Vor- oder Unbewussten. Entscheidend ist bei dieser Übung nicht der Text, der am Ende entsteht, sondern der Prozess des Schreibens.

Wenn Sie ein Journal führen, sollten Sie möglichst täglich einen Eintrag schreiben. Bestsellerautorin Julia Cameron empfiehlt die „morning pages“, drei  Seiten bevor das Tagesgeschäft beginnt; egal ob man einen schweren Kopf hat oder glaubt, heute nun wirklich nichts zu sagen zu haben. Es wirkt wie eine Meditation und gibt dem Tag ein wenig Struktur.

Noch mehr Spaß macht Free Writing mit dem witzigen Tool, auf das mich mein Kollege Peter Schumacher hinwies: Write or Die. Das meldet sich nachdrücklich, wenn man im Schreiben innehält, tut aber auch kund, wenn man aufhören darf. Eine moderne Variante des Küchenweckers, den man sich früher stellte.

Aber darf man überhaupt mit dem Computer schreiben? Manche behaupten, diese Übung müsse man handschriftlich machen. Ich halte die Tastatur für ebenso geeignet. Vielleicht könnte man sogar mit einem Spracherkennungsprogramm arbeiten? Welche Erfahrungen haben Sie?

Leider gibt es meines Wissens keine Forschung zu dieser oder zu ähnlichen Übungen. Ich denke, sie trainieren die Verknüpfung eines assoziativen Netzes in unserem Kopf mit linearer Sprache. Weiß jemand mehr darüber?

Ausgewählte Texte der Journalismus-Studenten

Der Journalist ist ein Erzähler und Erklärer, aber immer auch ein Kritiker und Kommentator seiner Zeit. Sein Beruf ist es, die richtigen, treffenden Worte zu finden, um seinem Publikum auf unterhaltsame Weise von den Neuigkeiten und Zusammenhängen der Welt zu berichten. Doch gerade beim schriftlichen Text stellen Ausdruck, Rechtschreibung und Stil den angehenden wie den erfahrenen Schreiber immer wieder vor zahlreiche Herausforderungen, die er so gut wie möglich zu meiden versucht.

Innerhalb von drei Jahren werden an der Hochschule Darmstadt junge Menschen auf diesen anspruchsvollen Beruf vorbereitet. In den Textwerkstätten oder in privaten Blogs entstehen dabei häufig wahre Kleinode der Schreibkunst. Ob szenisches Portrait, kritischer Blogtext oder einfach nur kreative Schreibübung: In diesem Magazin zeigen die Journalismus-Studenten der Hochschule Darmstadt, was sie können.

Anlässlich der mediale* 2011, der Werkschau des Fachbereichs Media, haben die Studenten eine Auswahl der besten Texte in einem Magazin zusammengestellt.

Allerliebste Schwester

Der Rotwein spritzt durch das Esszimmer, als ihre Schwester die Weinflasche auf der Tischkante zerschlägt. Rote Spritzer auf der weißen Tischdecke, rote Flecken auf dem beigen Teppich. Für einen Moment steht Johanna versteinert da, starrt den letzten Tropfen nach, die ihrer Schwester den Arm herunterrinnen. Die Schreie ihrer Schwester hallen in Johannas Ohren: „Ich bring‹ dich um, ich bringe dich um“. Immer wieder wiederholt sie die Worte, während sie ihrer Mutter die zerbrochene Flasche an den Hals drückt.

Erinnerungen aus ihrer Kindheit schießen Johanna in den Kopf. Wutanfälle ihrer Schwester, bei denen sie sich mit ihren Fingernägeln den ganzen Körper zerkratzte. Halluzinationen, in denen sie sich einbildete das Haus würde brennen, die wochenlange Aufenthalte in der Kinderpsychiatrie nach sich brachten. Und sie, die kleine Schwester, die immer tapfer und stark sein musste, während die große Schwester von allen verhätschelt und umsorgt wurde. Aber Johannas Schwester ist eben anders. Seit ihrer Geburt leidet sie an einer starken geistigen Behinderung; täglich muss sie starke Medikamente zu sich nehmen. Medikamente, die sie in einen großen Wattebausch hüllen. Medikamente, die sie von der Außenwelt abschneiden. Einer Außenwelt, von der sie sowieso schon aufgrund ihrer Behinderung abgeschnitten ist.

Tränen laufen Johannas Wange hinunter. Ihre Mutter steht ganz still. Als wäre sie auf einmal mit der Situation überfordert, lässt ihre Schwester die Flasche sinken. Ihre Mutter atmet tief durch, streicht sich die vor Angstschweiß verklebten Haarsträhnen aus dem Gesicht. Johanna nimmt ihre Mutter in den Arm.

Ihre Schwester hebt den Kopf, sieht sie mit ihren klaren blauen Augen an. „Warum bin ich behindert?“, fragt sie voller Vorwurf. „Warum bin ich behindert?“. Völlig klar und bei vollem Bewusstsein. Und dann der Satz, der Johanna das Herz bricht: „Am liebsten würde ich tot sein.“

Johanna Emge

Aufgabe: Eine wahre Geschichte sehr kurz fürs Web erzählen. (Textwerkstatt 6. Semester OJ, Sommer 2010, bei F. Herrmann)

Traubenzucker kann dein Tod sein

„Lukas Wahlstrom*, bitte zum Schalter drei“, dröhnt es aus den Lautsprechern. Es herrscht hektisches Treiben auf dem Flughafen Starvangar in Norwegen. Mittendrin ein Mann, der sich nicht bewegt. Seit 30 Minuten starrt Lukas Wahlstrom ins Leere. Schweißperlen bilden sich auf seiner Stirn.

In 15 Minuten startet das Flugzeug von Starvangar nach Frankfurt. Lukas hat bereits vor Wochen gebucht, Economy-Class, Fensterplatz. Jetzt sitzt er auf einer harten Bank in der Wartehalle und reagiert nicht, als sein Name erneut aus dem Lautsprecher klingt.
„Lukas Wahlstrom, bitte zum Schalter drei. Letzter Aufruf.“ Statt aufzustehen, bleibt Lukas steif sitzen. Er hört die Stimme der Flughafenmitarbeiterin. Er möchte zum Schalter gehen, danach das Flugzeug betreten. Aber er schafft es nicht. Einige Schweißtropfen rinnen an seinem Hals wie Regentropfen an einem Fenster hinab.

Lukas Wahlstroms Körper ist gefangen in einem diabetischen Schock. Er hört alles, was in seiner Umgebung passiert. Er sieht alles, er spürt, wie er schwitzt. Und er hofft, dass ihn jemand sieht und einen Arzt ruft.
Aber alle gehen vorbei. Warum sollen sie auch stehen bleiben? Er ist einfach nur ein Mann, der bewegungslos auf seinen Flug wartet und schwitzt. Außerdem riecht er stark nach Alkohol, das ist ein Symptom einer Überzuckerung.

Vor ihm auf dem Boden liegt ein Päckchen Traubenzucker. Das hatte er zuhause in seiner Wohnung in Starvanger extra eingesteckt. Traubenzucker nimmt er täglich, um einer Unterzuckerung vorzubeugen. Jetzt ist es aus seiner Hand gefallen. Zum Glück konnte er es nicht mehr aufheben. Traubenzucker bei Überzuckerung – das wäre sein Tod gewesen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit spürt er ein Kribbeln in seinem Körper. Sein Zuckerspiegel ist gesunken, er bewegt seine Arme, wischt den Schweiß mit einem Taschentuch weg.
Als er sich kräftig genug fühlt, steht er auf. Das Flugzeug hat längst abgehoben. Die Mitarbeiterin am Schalter bucht für ihn einen späteren Flug. Sie drückt das neue Ticket in Lukas Hand. In der anderen hält er seinen Diabetiker-Pass mit allen Infos zu seiner Krankheit.

Die Insulinspritze am Morgen, ein Brötchen mit Erdbeermarmelade, Schokoriegel vor dem Check-In, Kakao danach – „Ich hatte an dem Tag viel zu viel Zucker zu mir genommen. Dabei wollte ich eigentlich nur der Gefahr einer Unterzuckerung entgehen“, sagt Lukas. Er ist 54 und leidet seit zwölf Jahren an einer schweren Form von Diabetes. Seine Krankheit ist nach wie vor unberechenbar.

(*Name geändert)

Katrin Verschaffel

Aufgabe: Eine Szene beschreiben, die ich nicht selbst miterlebt habe, sondern mir erzählen ließ. (Textwerkstatt  6. Semester OJ, Sommer 2010, bei F. Herrmann)

Tanzmädchen, tanz Mädchen tanz

Hinter der Bühne war die Anspannung spürbar. Die Tänzerinnen wirbelten wild durcheinander, jede ging für sich noch einmal die Schrittfolge durch, drehte sich, sprang in dem engen Gang umher. Die Bühnenarbeiter verbreiteten Hektik, räumten ständig Requisiten von einer Stelle an eine andere. Nur sie war ganz ruhig. Als wäre sie gerade an einem völlig anderen Ort. Mit geschlossenen Augen und einem starren Gesichtsausdruck saß sie auf dem Fußboden. Nur ihre Hände bewegten sich auf und ab, als würden sie sich im Rhythmus der Musik bewegen. Sie tanzte still und heimlich, in ihrem Inneren.

In ihren Gedanken ging sie die Bewegungsabläufe immer wieder durch; wenn sich der Vorhang öffnete, musste alles perfekt sitzen. Direkt in der zweiten Reihe, hinter ihrer Mutter, würde er sitzen. Er, der Mann von der Royal Ballet School in London. Der Schule, an die sie unbedingt gehen wollte. Der Schule, von der sie seit ihrer Kindheit träumte. Als sie das erste paar Ballettschuhe in den Händen gehalten hatte. Rosa und aus steifem Leder, welches ihre Füße ganz wund werden ließ.

Sie strich mit ihren nackten Füßen über die kalten Fließen. Ihre Zehen waren blutig und aufgeschürft, seit Tagen waren sie mit Tape zusammengeklebt. Sie fühlten sich ganz taub an. Trotzdem zwängte sie ihre Füße in die viel zu engen Spitzenschuhe. Ihr elfenbeinfarbenes Tutu hing an einem Bügel an der Türe, bereit für den großen Auftritt. Als sie es überzog merkte sie, wie ihr Magen der großen Aufregung nicht stand hielt. Auf der Toilette erbrach sie ihr ohnehin schon mageres Frühstück. Der Blick in den Spiegel ließ sie erschaudern. Ihr bleiches Gesicht wirkte im hellen Toilettenlicht noch viel zerbrechlicher, unter ihren Augen lagen dunkle Ringe. Lässt sich alles wegschminken, dachte sie, atmete tief durch und löschte das Licht.

Als die ersten Takte des Nussknackers erklangen, war sie ganz konzentriert. En avant, croisé, ports de bras, pas de bourée, grand jeté.

Tanz, Mädchen, tanz, war alles, was ihre Mutter in der ersten Reihe dachte, als sich der Vorhang öffnete.

Johanna Emge

Aufgabe: Eine Szene beschreiben, die ich nicht selbst miterlebt habe, sondern mir erzählen ließ. (Textwerkstatt  6. Semester OJ, Sommer 2010, bei F. Herrmann)

Ein Feature für die WamS

Nachklapp aus der Featurewerkstatt des vergangenen Studienjahrs:  Manchmal sind die Zähne daran schuld, wenn Rücken oder Füße schmerzen – Lena Weitz, Studentin Wissenschaftsjournalismus, hat ihren Text über diese »Lange Leitung vom Zahn zum Zeh« in der Welt am Sonntag veröffentlicht (Featurewerkstatt, Leitung Christiane Röhrbein).

Lähmende Angst

Nina nimmt sich den Wäschekorb, sammelt noch zwei Hemden vom Boden auf und geht Richtung Waschküche. Plötzlich bekommt sie eine Gänsehaut. Ihre Nackenhaare stellen sich auf. Sie dreht sich um. Irgendetwas stimmt hier nicht. Aber niemand ist zu sehen. Der graue Putz an den Wänden und der modrige Geruch machen die Situation nicht angenehmer.

Sie geht einige Meter weiter und pfeift das Lied „Morning has broken“. Das pfeift sie immer, wenn sie unsicher ist. Klack. Nina schreckt zusammen und lässt den Wäschekorb fallen. „Das war nur die Tür“, sagt sie zu sich und pfeift weiter. Sie schmeißt die Wäsche in die Trommel, schaut sich aber die ganze Zeit um.

Jetzt hört sie eindeutig, dass jemand die Klinke zur Kellertür hinunter drückt. Fast schon panisch sucht Nina in der Waschküche nach einem Versteck. Doch abgesehen vom  Trockner, der Waschmaschine und dem Wäschekorb ist der kühle Raum leer. „Hallo? Wer ist da?“ ruft sie voller Verzweiflung. Keine Antwort. Nur die Schritte nähern sich der Waschküche. „Wer ist da?“ ruft sie erneut. Wieder keine Antwort.

Nina sucht nach einem Gegenstand, den sie als Waffe verwenden kann. Irgendetwas. Sie nimmt den Wäschekorb mit beiden Händen und hält ihn über ihren Kopf, sodass sie zuschlagen kann. Gleich ist er da, denkt sie sich. Sie hält den Atem an und konzentriert sich auf den Moment. Nina sieht durch den Türspalt, dass sich ein Schatten nähert. Ihr Herz pocht. Sie ist kreidebleich.

Die Tür wird geöffnet. Nina will zuschlagen, doch sie trifft ins Leere. Jörg, Ninas Freund, tritt ein. „Man, du hast mir einen Schrecken eingejagt. Warum hast du nicht gesagt, dass du es bist?“ fragt Nina. Die Anspannung lässt nicht nach. Irgendetwas ist komisch.

Jörgs Blick flößt ihr Angst ein. Er hat immer noch kein Wort gesprochen. Nun schließt er die Tür, dreht den Schlüssel um. Nina steht vor der Waschmaschine. Als würde sie bei ihr Schutz suchen, krallt sie sich fest.

Er zückt ein Messer. Wortlos kommt er auf Nina zu. Sie will schreien, kann aber nicht. Die Tränen schießen ihr aus den Augen. „Jörg“, schluchzt sie, „was machst du da?“ „Wo ist er?“ fragt Jörg. „Ich weiß genau, dass du mich immer betrügst, wenn du in die Waschküche gehst. Wo ist er?“ hakt Jörg erneut nach.

Ninas Starre löst sich. Das Messer hat sie weiter im Blick. Jörg lächelt süffisant. „Du hast wohl geglaubt, ich finde es nicht heraus“, sagt er und durchsucht den offensichtlich leeren Raum. Nina atmet durch den Mund. Jörg kommt auf sie zu. Nina krallt sich noch fester an der Waschmaschine fest. „Ich werde ihn finden. Du hast selbst Schuld daran, dass du von ihm schwanger bist“, sagt er, geht zur Tür, schließt sie auf und rennt lachend aus dem Keller.

Nina atmet tief durch. Ihr fließen die Tränen, ihr Gesicht wird knallrot. Sie muss sich übergeben. Starr vor Angst setzt sie sich auf den Betonboden. Zwei Stunden bleibt sie so in der Waschküche. Sie glaubt, sich nicht mehr bewegen zu können. Dann aber flüchtet sie aus dem Raum. Nina schwört sich, die Waschküche nie wieder zu betreten.

Patrick Abele

Aufgabe: Eine Szene beschreiben, die ich nicht selbst miterlebt habe, sondern mir erzählen ließ. (Textwerkstatt  6. Semester OJ, Sommer 2010, bei F. Herrmann)

Mehr als nur Glühbirnen

Da steht er nun an der Tür zum Büro seines Chefs. In der linken Hand eine Schachtel Pralinen, in der rechten ein blauer Müllsack, im Innersten die Gewissheit, das Richtige zu tun. Das Richtige tun, das war nicht immer so. Kevin, 23 Jahre alt, etwa 1,90 groß, kahl geschorener Schädel, schmächtig, ein Strich in der Landschaft, würde man sagen, war kein Musterschüler. Nur mit Mühe und Not schloss er die Hauptschule ab.

Später begann er eine Lehre zum Elektroinstallateur in einem kleinen schwäbischen Betrieb. Auch dort lief es nicht rund für ihn. Kevin war undiszipliniert, unpünktlich und fehlte häufig. Wegen privater Probleme, wie er immer wieder sagte. Ob das stimmte, wusste niemand. Fakt ist, er verbrachte die Hälfte seines Lebens bei den Großeltern. Der Chef war gnädig. Kevin durfte bleiben.

Doch sein Leben sollte sich ändern. Kevin verliebte sich. Sie war eine fromme Adventistin, er war hin und weg. Die Erleuchtung habe er durch sie gefunden, erzählte Kevin stolz seinen Arbeitskollegen. Er ließ sich taufen. Es war das Ende seines alten Lebens, der Anfang einer neuen Existenz. Eine zweite Chance für Kevin und die Gelegenheit mit der Vergangenheit aufzuräumen.

Nun steht er da mit dem blauen Müllsack, prall gefüllt mit Glühbirnen. Glühbirnen, die Kevin während seiner Ausbildung ungeniert aus dem Lagerraum mitgehen ließ. Zögernd klopft er an die hölzerne Tür. „Komm rein, mein Junge!“, ruft ihm sein Chef zu. Demütig folgt Kevin der Stimme. Kurz darauf ist er wieder draußen. Ohne Diebesgut, ohne Job, dafür aber mit einem breiten Lächeln im Gesicht, wie sich die Chefsekretärin später erinnert.

Bartek Langer

Aufgabe: Eine Szene beschreiben, die ich nicht selbst miterlebt habe, sondern mir erzählen ließ. (Textwerkstatt  6. Semester OJ, Sommer 2010, bei F. Herrmann)

Mahlzeit

Er hatte nicht gedacht, noch jemanden für diesen Job zu finden. Vier Tage waren schon vergangen, seit Herr Werner sich vollständig angezogen in seine vergilbte Emaillebadewanne gelegt, die Schrotflinte durchgeladen und sich von unten durch den Kopf geschossen hatte. Vier Tage, in denen seine Hirnmasse in den Ritzen des bröckelnden Stucks verwest war. Im kleinen Badezimmer der heruntergekommenen Villa gab es nur eine Stelle, die nicht von Blut und Knochensplittern überzogen war: der Teil des Wannenrands, auf dem der Abschiedsbrief gelegen hatte. Den hatte die Spurensicherung natürlich mitgenommen. Der Rest ging sie nichts an.

Aber Herrn Moser ging es etwas an: Die Villa sollte auf den Markt, so schnell wie möglich. Die Schweinerei musste weg. Moser hatte sich schon dort knien sehen, mit einem Paar dieser lächerlichen, rosaroten Gummihandschuhe und einem kleinen, gelben Topfschwamm. Er und die kratzige Seite im Kampf gegen den starr getrockneten Werner-See.

Doch er hatte unterschätzt, wie schlecht die Zeiten waren: “Fahr an den Südring, hinter dem aufgelassenen Rauch-Lager. Da stehen sie Schlange. Wenn du anhältst, springen sie dir gleich auf den Beifahrersitz”, hatte ihm sein Bauleiter erklärt.

Trotzdem hatte Moser erwartet, dass der alte Türke sofort wieder aussteigen würde, wenn  ihm klar wurde, worum es ging. “Kein Problem“, hatte der jedoch nur gesagt. Die Zeiten mussten wirklich schlecht sein, dachte Moser und stellte beschämt fest, wie er froh er darüber war.

Und als der Mann dann im Badezimmer fröhlich pfeifend den Putzeimer mit Reiniger gefüllt hatte, die Handschuhe überzog und anfing, mit Elan den goldenen Hahn der Wanne von Werners Hautfetzen zu befreien, ist Moser sich wie ein Weichei vorgekommen.

Was er aber jetzt sah, war eindeutig zu viel. Sein empfindlicher Magen hielt das nicht aus. Er hatte den Fortschritt der Arbeit überprüfen wollen, sehen, wie der Mann vorankam. Und da saß dieser, inmitten des bestialischen Gestanks. Eine Zeitung als Unterlage auf dem Boden, mit dem Rücken an der Wanne, die blutigen Putzhandschuhe fein säuberlich zusammengelegt. Auf seinem Schoß eine riesige Stulle: mit Schinken, Käse, Gurken, Mayo – eben allem, was dazugehörte. Er kaute zufrieden. Als er Moser würgen hörte, drehte er sich um: “Wollen Sie auch?”

Rebecca Sandbichler

Aufgabe: Eine Szene beschreiben, die ich nicht selbst miterlebt habe, sondern mir erzählen ließ. (Textwerkstatt  6. Semester OJ, Sommer 2010, bei F. Herrmann)