Textwerkstatt

alphabetsoup_500Foto: flickr/revbean

Die Textwerkstätten sind ein zentraler Bestandteil unserer journalistischen Ausbildung. Das Blog präsentiert Arbeitsproben und sammelt Best-Practice-Beispiele sowie Hinweise zur Textkonzeption, zum Schreiben und zum Redigieren.

Lähmende Angst

Nina nimmt sich den Wäschekorb, sammelt noch zwei Hemden vom Boden auf und geht Richtung Waschküche. Plötzlich bekommt sie eine Gänsehaut. Ihre Nackenhaare stellen sich auf. Sie dreht sich um. Irgendetwas stimmt hier nicht. Aber niemand ist zu sehen. Der graue Putz an den Wänden und der modrige Geruch machen die Situation nicht angenehmer.

Sie geht einige Meter weiter und pfeift das Lied „Morning has broken“. Das pfeift sie immer, wenn sie unsicher ist. Klack. Nina schreckt zusammen und lässt den Wäschekorb fallen. „Das war nur die Tür“, sagt sie zu sich und pfeift weiter. Sie schmeißt die Wäsche in die Trommel, schaut sich aber die ganze Zeit um.

Jetzt hört sie eindeutig, dass jemand die Klinke zur Kellertür hinunter drückt. Fast schon panisch sucht Nina in der Waschküche nach einem Versteck. Doch abgesehen vom  Trockner, der Waschmaschine und dem Wäschekorb ist der kühle Raum leer. „Hallo? Wer ist da?“ ruft sie voller Verzweiflung. Keine Antwort. Nur die Schritte nähern sich der Waschküche. „Wer ist da?“ ruft sie erneut. Wieder keine Antwort.

Nina sucht nach einem Gegenstand, den sie als Waffe verwenden kann. Irgendetwas. Sie nimmt den Wäschekorb mit beiden Händen und hält ihn über ihren Kopf, sodass sie zuschlagen kann. Gleich ist er da, denkt sie sich. Sie hält den Atem an und konzentriert sich auf den Moment. Nina sieht durch den Türspalt, dass sich ein Schatten nähert. Ihr Herz pocht. Sie ist kreidebleich.

Die Tür wird geöffnet. Nina will zuschlagen, doch sie trifft ins Leere. Jörg, Ninas Freund, tritt ein. „Man, du hast mir einen Schrecken eingejagt. Warum hast du nicht gesagt, dass du es bist?“ fragt Nina. Die Anspannung lässt nicht nach. Irgendetwas ist komisch.

Jörgs Blick flößt ihr Angst ein. Er hat immer noch kein Wort gesprochen. Nun schließt er die Tür, dreht den Schlüssel um. Nina steht vor der Waschmaschine. Als würde sie bei ihr Schutz suchen, krallt sie sich fest.

Er zückt ein Messer. Wortlos kommt er auf Nina zu. Sie will schreien, kann aber nicht. Die Tränen schießen ihr aus den Augen. „Jörg“, schluchzt sie, „was machst du da?“ „Wo ist er?“ fragt Jörg. „Ich weiß genau, dass du mich immer betrügst, wenn du in die Waschküche gehst. Wo ist er?“ hakt Jörg erneut nach.

Ninas Starre löst sich. Das Messer hat sie weiter im Blick. Jörg lächelt süffisant. „Du hast wohl geglaubt, ich finde es nicht heraus“, sagt er und durchsucht den offensichtlich leeren Raum. Nina atmet durch den Mund. Jörg kommt auf sie zu. Nina krallt sich noch fester an der Waschmaschine fest. „Ich werde ihn finden. Du hast selbst Schuld daran, dass du von ihm schwanger bist“, sagt er, geht zur Tür, schließt sie auf und rennt lachend aus dem Keller.

Nina atmet tief durch. Ihr fließen die Tränen, ihr Gesicht wird knallrot. Sie muss sich übergeben. Starr vor Angst setzt sie sich auf den Betonboden. Zwei Stunden bleibt sie so in der Waschküche. Sie glaubt, sich nicht mehr bewegen zu können. Dann aber flüchtet sie aus dem Raum. Nina schwört sich, die Waschküche nie wieder zu betreten.

Patrick Abele

Aufgabe: Eine Szene beschreiben, die ich nicht selbst miterlebt habe, sondern mir erzählen ließ. (Textwerkstatt  6. Semester OJ, Sommer 2010, bei F. Herrmann)

Mehr als nur Glühbirnen

Da steht er nun an der Tür zum Büro seines Chefs. In der linken Hand eine Schachtel Pralinen, in der rechten ein blauer Müllsack, im Innersten die Gewissheit, das Richtige zu tun. Das Richtige tun, das war nicht immer so. Kevin, 23 Jahre alt, etwa 1,90 groß, kahl geschorener Schädel, schmächtig, ein Strich in der Landschaft, würde man sagen, war kein Musterschüler. Nur mit Mühe und Not schloss er die Hauptschule ab.

Später begann er eine Lehre zum Elektroinstallateur in einem kleinen schwäbischen Betrieb. Auch dort lief es nicht rund für ihn. Kevin war undiszipliniert, unpünktlich und fehlte häufig. Wegen privater Probleme, wie er immer wieder sagte. Ob das stimmte, wusste niemand. Fakt ist, er verbrachte die Hälfte seines Lebens bei den Großeltern. Der Chef war gnädig. Kevin durfte bleiben.

Doch sein Leben sollte sich ändern. Kevin verliebte sich. Sie war eine fromme Adventistin, er war hin und weg. Die Erleuchtung habe er durch sie gefunden, erzählte Kevin stolz seinen Arbeitskollegen. Er ließ sich taufen. Es war das Ende seines alten Lebens, der Anfang einer neuen Existenz. Eine zweite Chance für Kevin und die Gelegenheit mit der Vergangenheit aufzuräumen.

Nun steht er da mit dem blauen Müllsack, prall gefüllt mit Glühbirnen. Glühbirnen, die Kevin während seiner Ausbildung ungeniert aus dem Lagerraum mitgehen ließ. Zögernd klopft er an die hölzerne Tür. „Komm rein, mein Junge!“, ruft ihm sein Chef zu. Demütig folgt Kevin der Stimme. Kurz darauf ist er wieder draußen. Ohne Diebesgut, ohne Job, dafür aber mit einem breiten Lächeln im Gesicht, wie sich die Chefsekretärin später erinnert.

Bartek Langer

Aufgabe: Eine Szene beschreiben, die ich nicht selbst miterlebt habe, sondern mir erzählen ließ. (Textwerkstatt  6. Semester OJ, Sommer 2010, bei F. Herrmann)

Mahlzeit

Er hatte nicht gedacht, noch jemanden für diesen Job zu finden. Vier Tage waren schon vergangen, seit Herr Werner sich vollständig angezogen in seine vergilbte Emaillebadewanne gelegt, die Schrotflinte durchgeladen und sich von unten durch den Kopf geschossen hatte. Vier Tage, in denen seine Hirnmasse in den Ritzen des bröckelnden Stucks verwest war. Im kleinen Badezimmer der heruntergekommenen Villa gab es nur eine Stelle, die nicht von Blut und Knochensplittern überzogen war: der Teil des Wannenrands, auf dem der Abschiedsbrief gelegen hatte. Den hatte die Spurensicherung natürlich mitgenommen. Der Rest ging sie nichts an.

Aber Herrn Moser ging es etwas an: Die Villa sollte auf den Markt, so schnell wie möglich. Die Schweinerei musste weg. Moser hatte sich schon dort knien sehen, mit einem Paar dieser lächerlichen, rosaroten Gummihandschuhe und einem kleinen, gelben Topfschwamm. Er und die kratzige Seite im Kampf gegen den starr getrockneten Werner-See.

Doch er hatte unterschätzt, wie schlecht die Zeiten waren: “Fahr an den Südring, hinter dem aufgelassenen Rauch-Lager. Da stehen sie Schlange. Wenn du anhältst, springen sie dir gleich auf den Beifahrersitz”, hatte ihm sein Bauleiter erklärt.

Trotzdem hatte Moser erwartet, dass der alte Türke sofort wieder aussteigen würde, wenn  ihm klar wurde, worum es ging. “Kein Problem“, hatte der jedoch nur gesagt. Die Zeiten mussten wirklich schlecht sein, dachte Moser und stellte beschämt fest, wie er froh er darüber war.

Und als der Mann dann im Badezimmer fröhlich pfeifend den Putzeimer mit Reiniger gefüllt hatte, die Handschuhe überzog und anfing, mit Elan den goldenen Hahn der Wanne von Werners Hautfetzen zu befreien, ist Moser sich wie ein Weichei vorgekommen.

Was er aber jetzt sah, war eindeutig zu viel. Sein empfindlicher Magen hielt das nicht aus. Er hatte den Fortschritt der Arbeit überprüfen wollen, sehen, wie der Mann vorankam. Und da saß dieser, inmitten des bestialischen Gestanks. Eine Zeitung als Unterlage auf dem Boden, mit dem Rücken an der Wanne, die blutigen Putzhandschuhe fein säuberlich zusammengelegt. Auf seinem Schoß eine riesige Stulle: mit Schinken, Käse, Gurken, Mayo – eben allem, was dazugehörte. Er kaute zufrieden. Als er Moser würgen hörte, drehte er sich um: “Wollen Sie auch?”

Rebecca Sandbichler

Aufgabe: Eine Szene beschreiben, die ich nicht selbst miterlebt habe, sondern mir erzählen ließ. (Textwerkstatt  6. Semester OJ, Sommer 2010, bei F. Herrmann)

Morgenmilch

Die Tischdecke aus fleischfarbenem Plastik war starr vor Kälte. Als Paul von der Eckbank rutschte und dabei versehentlich mit dem nackten Bauch das hässliche Ungetüm berührte, zuckte er erschrocken zusammen. Langsam krabbelte er über den Fliesenboden unter dem klobigen Eichentisch hindurch. Seine Brüder hatten ein Schlachtfeld hinterlassen, immer wieder blieben Cornflakes an seinen Händen und Knien kleben. „Bleib sitzen, rühr dich nicht vom Fleck“, hatte Mama gesagt und dabei diesen zweifelnden Blick aufgesetzt, als rechne sie schon damit, enttäuscht zu werden.

Jetzt war sie sicher mindestens schon neunundneunzig Minuten weg, dachte Paul. Telefonieren bestimmt. Und hatte ihn einfach vergessen. Nicht nur ihn, sondern auch den Topf auf dem Herd. In den hatte sie die Milch für seinen Kakao gegossen. Und die würde bald überkochen, das kannte Paul schon. Das passierte Mama in letzter Zeit öfter, weil sie immer so lange telefonierte. Und dann war sie böse, böse auf Paul. „Warum hast du mich nicht geholt? Die ganze schöne Milch!“

Paul sah es schon kommen und diesmal wollte er es verhindern. Er war schon groß, immerhin fast fünf. Er konnte Schuhe binden und die Zahlen bis hundert, rückwärts und vorwärts sowieso. Er konnte Mama helfen.

Die Milch brodelte bereits bedrohlich bis an den Rand des Topfes, immer wieder schwappte ein bisschen weißer Schaum über und zischte in der blauen Flamme des Herdes. Paul stellte sich auf die Zehenspitzen und streckte die Arme aus. Gerade so erreichte er die Henkel des Topfes. Er war wirklich schon groß. Diesmal würde die Milch nicht überkochen.

Heiß, heiß, heiß. Das ist alles, woran Paul sich heute noch erinnert. Und die Schreckensschreie seiner Mutter, schrill und aus einer anderen Welt. Sie hatte ihn damals sofort eiskalt abgeduscht und seinen glühenden Oberkörper mit Wundsalbe eingeschmiert. Der Arzt schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als er später davon hörte. “Dabei hat sie alles richtig gemacht”, sagt Paul und krempelt seinen Pullover hoch. “Nur hier am Oberarm ist eine Narbe geblieben. Dafür hat die Salbe nicht mehr gereicht.” Die Stelle sieht aus wie ein Fleckchen verschrumpelte Milchhaut.

Rebecca Sandbichler

Aufgabe: Eine wahre Geschichte sehr kurz fürs Web erzählen. (Textwerkstatt 6. Semester OJ, Sommer 2010, bei F. Herrmann)


»Atomkraft? Jein danke!«

Wir eröffnen die Parade schöner Texte, die in unseren Schreibwerkstätten entstanden sind: WJ-Studentin Anne Jäger porträtiert einen Aktivisten der Anti-AKW-Bewegung – der gleichzeitig bei einem Kraftwerkszulieferer arbeitet. Inzwischen hat sie ihr Feature bei einestages auf Spiegel Online veröffentlicht. Entstanden ist ihr Text in der Featurewerkstatt von Christiane Röhrbein.

10 Minuten Schreibgymnastik

Die Zeit läuft für die Diplomanden des Studienganges OJ: In gut zwei Monaten geben sie ihre Arbeiten ab. Plötzlich müssen sie ihren Tagesablauf selbst strukturieren, über Wochen das gleiche Thema begrübeln und sich am Ende einer Prüfung stellen.

Etwas Erleichterung kann eine Methode verschaffen, die erfahrene Reporter manchmal nutzen:  Sie führen ein Journal. Darin sammeln sie alles, was nicht zu ihrer zielgerichteten Recherche zu gehören scheint: Gefühle, Eindrücke, Ideen. Oder auch: Alltag, Abstürze, Höhenflüge.

Geschrieben wird im Stil des Free Writing, das wir auch in den Textwerkstätten üben. Fünf oder zehn Minuten lang notieren Sie alles, was Ihnen durch den Kopf geht – ohne den Stift abzusetzen oder die Tastatur ruhen zu lassen, ohne nachzudenken, durchzustreichen oder zu korrigieren. Einfach schreiben, schreiben, schreiben, Blödsinniges, Unvollständiges, manchmal sogar Sinnvolles, wie es gerade kommt. Sie können sich treiben lassen, träumerisch arbeiten.

Die Lockerungsübung hilft, Gefühle und Intuition besser in die Arbeit zu integrieren. Ein Rhythmus aus Kontrolle und Loslassen ist für alles Kreative wichtig. Wir kennen das, die zündende Idee kommt in der Entspannung, unter der Dusche. Manche sprechen von der rechten Hirnhälfte, andere vom Vor- oder Unbewussten. Entscheidend ist bei dieser Übung nicht der Text, der am Ende entsteht, sondern der Prozess des Schreibens.

Wenn Sie ein Journal führen, sollten Sie möglichst täglich einen Eintrag schreiben. Bestsellerautorin Julia Cameron empfiehlt die „morning pages“, drei  Seiten bevor das Tagesgeschäft beginnt; egal ob man einen schweren Kopf hat oder glaubt, heute nun wirklich nichts zu sagen zu haben. Es wirkt wie eine Meditation und gibt dem Tag ein wenig Struktur.

Noch mehr Spaß macht Free Writing mit dem witzigen Tool, auf das mich mein Kollege Peter Schumacher hinwies: Write or Die. Das meldet sich nachdrücklich, wenn man im Schreiben innehält, tut aber auch kund, wenn man aufhören darf. Eine moderne Variante des Küchenweckers, den man sich früher stellte.

Aber darf man überhaupt mit dem Computer schreiben? Manche behaupten, diese Übung müsse man handschriftlich machen. Ich halte die Tastatur für ebenso geeignet. Vielleicht könnte man sogar mit einem Spracherkennungsprogramm arbeiten? Welche Erfahrungen haben Sie?

Leider gibt es meines Wissens keine Forschung zu dieser oder zu ähnlichen Übungen. Ich denke, sie trainieren die Verknüpfung eines assoziativen Netzes in unserem Kopf mit linearer Sprache. Weiß jemand mehr darüber?

Nina nimmt sich den Wäschekorb, sammelt noch zwei Hemden vom Boden auf und geht Richtung Waschküche. Plötzlich bekommt sie eine Gänsehaut. Ihre Nackenhaare stellen sich auf. Sie dreht sich um. Irgendetwas stimmt hier nicht. Aber niemand ist zu sehen. Der graue Putz an den Wänden und der modrige Geruch machen die Situation nicht angenehmer.

Sie geht einige Meter weiter und pfeift das Lied „Morning has broken“. Das pfeift sie immer, wenn sie unsicher ist. Klack. Nina schreckt zusammen und lässt den Wäschekorb fallen. „Das war nur die Tür“, sagt sie zu sich und pfeift weiter. Sie schmeißt die Wäsche in die Trommel, schaut sich aber die ganze Zeit um.

Jetzt hört sie eindeutig, dass jemand die Klinke zur Kellertür hinunter drückt. Fast schon panisch sucht Nina in der Waschküche nach einem Versteck. Doch abgesehen vom  Trockner, der Waschmaschine und dem Wäschekorb ist der kühle Raum leer. „Hallo? Wer ist da?“ ruft sie voller Verzweiflung. Keine Antwort. Nur die Schritte nähern sich der Waschküche. „Wer ist da?“ ruft sie erneut. Wieder keine Antwort.

Nina sucht nach einem Gegenstand, den sie als Waffe verwenden kann. Irgendetwas. Sie nimmt den Wäschekorb mit beiden Händen und hält ihn über ihren Kopf, sodass sie zuschlagen kann. Gleich ist er da, denkt sie sich. Sie hält den Atem an und konzentriert sich auf den Moment. Nina sieht durch den Türspalt, dass sich ein Schatten nähert. Ihr Herz pocht. Sie ist kreidebleich.

Die Tür wird geöffnet. Nina will zuschlagen, doch sie trifft ins Leere. Jörg, Ninas Freund, tritt ein. „Man, du hast mir einen Schrecken eingejagt. Warum hast du nicht gesagt, dass du es bist?“ fragt Nina. Die Anspannung lässt nicht nach. Irgendetwas ist komisch.

Jörgs Blick flößt ihr Angst ein. Er hat immer noch kein Wort gesprochen. Nun schließt er die Tür, dreht den Schlüssel um. Nina steht vor der Waschmaschine. Als würde sie bei ihr Schutz suchen, krallt sie sich fest.

Er zückt ein Messer. Wortlos kommt er auf Nina zu. Sie will schreien, kann aber nicht. Die Tränen schießen ihr aus den Augen. „Jörg“, schluchzt sie, „was machst du da?“ „Wo ist er?“ fragt Jörg. „Ich weiß genau, dass du mich immer betrügst, wenn du in die Waschküche gehst. Wo ist er?“ hakt Jörg erneut nach.

Ninas Starre löst sich. Das Messer hat sie weiter im Blick. Jörg lächelt süffisant. „Du hast wohl geglaubt, ich finde es nicht heraus“, sagt er und durchsucht den offensichtlich leeren Raum. Nina atmet durch den Mund. Jörg kommt auf sie zu. Nina krallt sich noch fester an der Waschmaschine fest. „Ich werde ihn finden. Du hast selbst Schuld daran, dass du von ihm schwanger bist“, sagt er, geht zur Tür, schließt sie auf und rennt lachend aus dem Keller.

Nina atmet tief durch. Ihr fließen die Tränen, ihr Gesicht wird knallrot. Sie muss sich übergeben. Starr vor Angst setzt sie sich auf den Betonboden. Zwei Stunden bleibt sie so in der Waschküche. Sie glaubt, sich nicht mehr bewegen zu können. Dann aber flüchtet sie aus dem Raum. Nina schwört sich, die Waschküche nie wieder zu betreten.

Patrick Abele

Aufgabe: Eine Szene beschreiben, die ich nicht selbst miterlebt habe, sondern mir erzählen ließ. (Textwerkstatt  6. Semester OJ, Sommer 2010, bei F. Herrmann)

Da steht er nun an der Tür zum Büro seines Chefs. In der linken Hand eine Schachtel Pralinen, in der rechten ein blauer Müllsack, im Innersten die Gewissheit, das Richtige zu tun. Das Richtige tun, das war nicht immer so. Kevin, 23 Jahre alt, etwa 1,90 groß, kahl geschorener Schädel, schmächtig, ein Strich in der Landschaft, würde man sagen, war kein Musterschüler. Nur mit Mühe und Not schloss er die Hauptschule ab.

Später begann er eine Lehre zum Elektroinstallateur in einem kleinen schwäbischen Betrieb. Auch dort lief es nicht rund für ihn. Kevin war undiszipliniert, unpünktlich und fehlte häufig. Wegen privater Probleme, wie er immer wieder sagte. Ob das stimmte, wusste niemand. Fakt ist, er verbrachte die Hälfte seines Lebens bei den Großeltern. Der Chef war gnädig. Kevin durfte bleiben.

Doch sein Leben sollte sich ändern. Kevin verliebte sich. Sie war eine fromme Adventistin, er war hin und weg. Die Erleuchtung habe er durch sie gefunden, erzählte Kevin stolz seinen Arbeitskollegen. Er ließ sich taufen. Es war das Ende seines alten Lebens, der Anfang einer neuen Existenz. Eine zweite Chance für Kevin und die Gelegenheit mit der Vergangenheit aufzuräumen.

Nun steht er da mit dem blauen Müllsack, prall gefüllt mit Glühbirnen. Glühbirnen, die Kevin während seiner Ausbildung ungeniert aus dem Lagerraum mitgehen ließ. Zögernd klopft er an die hölzerne Tür. „Komm rein, mein Junge!“, ruft ihm sein Chef zu. Demütig folgt Kevin der Stimme. Kurz darauf ist er wieder draußen. Ohne Diebesgut, ohne Job, dafür aber mit einem breiten Lächeln im Gesicht, wie sich die Chefsekretärin später erinnert.

Bartek Langer

Aufgabe: Eine Szene beschreiben, die ich nicht selbst miterlebt habe, sondern mir erzählen ließ. (Textwerkstatt  6. Semester OJ, Sommer 2010, bei F. Herrmann)

Er hatte nicht gedacht, noch jemanden für diesen Job zu finden. Vier Tage waren schon vergangen, seit Herr Werner sich vollständig angezogen in seine vergilbte Emaillebadewanne gelegt, die Schrotflinte durchgeladen und sich von unten durch den Kopf geschossen hatte. Vier Tage, in denen seine Hirnmasse in den Ritzen des bröckelnden Stucks verwest war. Im kleinen Badezimmer der heruntergekommenen Villa gab es nur eine Stelle, die nicht von Blut und Knochensplittern überzogen war: der Teil des Wannenrands, auf dem der Abschiedsbrief gelegen hatte. Den hatte die Spurensicherung natürlich mitgenommen. Der Rest ging sie nichts an.

Aber Herrn Moser ging es etwas an: Die Villa sollte auf den Markt, so schnell wie möglich. Die Schweinerei musste weg. Moser hatte sich schon dort knien sehen, mit einem Paar dieser lächerlichen, rosaroten Gummihandschuhe und einem kleinen, gelben Topfschwamm. Er und die kratzige Seite im Kampf gegen den starr getrockneten Werner-See.

Doch er hatte unterschätzt, wie schlecht die Zeiten waren: “Fahr an den Südring, hinter dem aufgelassenen Rauch-Lager. Da stehen sie Schlange. Wenn du anhältst, springen sie dir gleich auf den Beifahrersitz”, hatte ihm sein Bauleiter erklärt.

Trotzdem hatte Moser erwartet, dass der alte Türke sofort wieder aussteigen würde, wenn  ihm klar wurde, worum es ging. “Kein Problem“, hatte der jedoch nur gesagt. Die Zeiten mussten wirklich schlecht sein, dachte Moser und stellte beschämt fest, wie er froh er darüber war.

Und als der Mann dann im Badezimmer fröhlich pfeifend den Putzeimer mit Reiniger gefüllt hatte, die Handschuhe überzog und anfing, mit Elan den goldenen Hahn der Wanne von Werners Hautfetzen zu befreien, ist Moser sich wie ein Weichei vorgekommen.

Was er aber jetzt sah, war eindeutig zu viel. Sein empfindlicher Magen hielt das nicht aus. Er hatte den Fortschritt der Arbeit überprüfen wollen, sehen, wie der Mann vorankam. Und da saß dieser, inmitten des bestialischen Gestanks. Eine Zeitung als Unterlage auf dem Boden, mit dem Rücken an der Wanne, die blutigen Putzhandschuhe fein säuberlich zusammengelegt. Auf seinem Schoß eine riesige Stulle: mit Schinken, Käse, Gurken, Mayo – eben allem, was dazugehörte. Er kaute zufrieden. Als er Moser würgen hörte, drehte er sich um: “Wollen Sie auch?”

Rebecca Sandbichler

Aufgabe: Eine Szene beschreiben, die ich nicht selbst miterlebt habe, sondern mir erzählen ließ. (Textwerkstatt  6. Semester OJ, Sommer 2010, bei F. Herrmann)

Die Tischdecke aus fleischfarbenem Plastik war starr vor Kälte. Als Paul von der Eckbank rutschte und dabei versehentlich mit dem nackten Bauch das hässliche Ungetüm berührte, zuckte er erschrocken zusammen. Langsam krabbelte er über den Fliesenboden unter dem klobigen Eichentisch hindurch. Seine Brüder hatten ein Schlachtfeld hinterlassen, immer wieder blieben Cornflakes an seinen Händen und Knien kleben. „Bleib sitzen, rühr dich nicht vom Fleck“, hatte Mama gesagt und dabei diesen zweifelnden Blick aufgesetzt, als rechne sie schon damit, enttäuscht zu werden.

Jetzt war sie sicher mindestens schon neunundneunzig Minuten weg, dachte Paul. Telefonieren bestimmt. Und hatte ihn einfach vergessen. Nicht nur ihn, sondern auch den Topf auf dem Herd. In den hatte sie die Milch für seinen Kakao gegossen. Und die würde bald überkochen, das kannte Paul schon. Das passierte Mama in letzter Zeit öfter, weil sie immer so lange telefonierte. Und dann war sie böse, böse auf Paul. „Warum hast du mich nicht geholt? Die ganze schöne Milch!“

Paul sah es schon kommen und diesmal wollte er es verhindern. Er war schon groß, immerhin fast fünf. Er konnte Schuhe binden und die Zahlen bis hundert, rückwärts und vorwärts sowieso. Er konnte Mama helfen.

Die Milch brodelte bereits bedrohlich bis an den Rand des Topfes, immer wieder schwappte ein bisschen weißer Schaum über und zischte in der blauen Flamme des Herdes. Paul stellte sich auf die Zehenspitzen und streckte die Arme aus. Gerade so erreichte er die Henkel des Topfes. Er war wirklich schon groß. Diesmal würde die Milch nicht überkochen.

Heiß, heiß, heiß. Das ist alles, woran Paul sich heute noch erinnert. Und die Schreckensschreie seiner Mutter, schrill und aus einer anderen Welt. Sie hatte ihn damals sofort eiskalt abgeduscht und seinen glühenden Oberkörper mit Wundsalbe eingeschmiert. Der Arzt schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als er später davon hörte. “Dabei hat sie alles richtig gemacht”, sagt Paul und krempelt seinen Pullover hoch. “Nur hier am Oberarm ist eine Narbe geblieben. Dafür hat die Salbe nicht mehr gereicht.” Die Stelle sieht aus wie ein Fleckchen verschrumpelte Milchhaut.

Rebecca Sandbichler

Aufgabe: Eine wahre Geschichte sehr kurz fürs Web erzählen. (Textwerkstatt 6. Semester OJ, Sommer 2010, bei F. Herrmann)


Wir eröffnen die Parade schöner Texte, die in unseren Schreibwerkstätten entstanden sind: WJ-Studentin Anne Jäger porträtiert einen Aktivisten der Anti-AKW-Bewegung – der gleichzeitig bei einem Kraftwerkszulieferer arbeitet. Inzwischen hat sie ihr Feature bei einestages auf Spiegel Online veröffentlicht. Entstanden ist ihr Text in der Featurewerkstatt von Christiane Röhrbein.

Die Zeit läuft für die Diplomanden des Studienganges OJ: In gut zwei Monaten geben sie ihre Arbeiten ab. Plötzlich müssen sie ihren Tagesablauf selbst strukturieren, über Wochen das gleiche Thema begrübeln und sich am Ende einer Prüfung stellen.

Etwas Erleichterung kann eine Methode verschaffen, die erfahrene Reporter manchmal nutzen:  Sie führen ein Journal. Darin sammeln sie alles, was nicht zu ihrer zielgerichteten Recherche zu gehören scheint: Gefühle, Eindrücke, Ideen. Oder auch: Alltag, Abstürze, Höhenflüge.

Geschrieben wird im Stil des Free Writing, das wir auch in den Textwerkstätten üben. Fünf oder zehn Minuten lang notieren Sie alles, was Ihnen durch den Kopf geht – ohne den Stift abzusetzen oder die Tastatur ruhen zu lassen, ohne nachzudenken, durchzustreichen oder zu korrigieren. Einfach schreiben, schreiben, schreiben, Blödsinniges, Unvollständiges, manchmal sogar Sinnvolles, wie es gerade kommt. Sie können sich treiben lassen, träumerisch arbeiten.

Die Lockerungsübung hilft, Gefühle und Intuition besser in die Arbeit zu integrieren. Ein Rhythmus aus Kontrolle und Loslassen ist für alles Kreative wichtig. Wir kennen das, die zündende Idee kommt in der Entspannung, unter der Dusche. Manche sprechen von der rechten Hirnhälfte, andere vom Vor- oder Unbewussten. Entscheidend ist bei dieser Übung nicht der Text, der am Ende entsteht, sondern der Prozess des Schreibens.

Wenn Sie ein Journal führen, sollten Sie möglichst täglich einen Eintrag schreiben. Bestsellerautorin Julia Cameron empfiehlt die „morning pages“, drei  Seiten bevor das Tagesgeschäft beginnt; egal ob man einen schweren Kopf hat oder glaubt, heute nun wirklich nichts zu sagen zu haben. Es wirkt wie eine Meditation und gibt dem Tag ein wenig Struktur.

Noch mehr Spaß macht Free Writing mit dem witzigen Tool, auf das mich mein Kollege Peter Schumacher hinwies: Write or Die. Das meldet sich nachdrücklich, wenn man im Schreiben innehält, tut aber auch kund, wenn man aufhören darf. Eine moderne Variante des Küchenweckers, den man sich früher stellte.

Aber darf man überhaupt mit dem Computer schreiben? Manche behaupten, diese Übung müsse man handschriftlich machen. Ich halte die Tastatur für ebenso geeignet. Vielleicht könnte man sogar mit einem Spracherkennungsprogramm arbeiten? Welche Erfahrungen haben Sie?

Leider gibt es meines Wissens keine Forschung zu dieser oder zu ähnlichen Übungen. Ich denke, sie trainieren die Verknüpfung eines assoziativen Netzes in unserem Kopf mit linearer Sprache. Weiß jemand mehr darüber?